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US-Studie
Interaktiv Spezial: Das ".com" im Namen läßt Anleger fiebern
Zumindest bis vor einigen Wochen war der Börsengang für Unternehmen, die auch nur halbwegs etwas mit dem Internet zu tun hatten, eine risikolose Angelegenheit. Sie konnten sich, getragen von einer allgemeinen Internet-Hysterie, satter Erstnotizen und einer Verdoppelung des Kurses nahezu sicher sein. Und auch wenn seit dem Sommer Internet-IPOs keine Selbstläufer mehr sind, der Eindruck bleibt: Bei Internetaktien scheint bei vielen Tradern das Gehirn auszusetzen. Ein Eindruck, den eine neue US-Studie wissenschaftlich zu belegen scheint.

HANDELSBLATT, Freitag, 20. August 1999

uh DÜSSELDORF. Es ist schon eine ungewöhnliche Frage, die sich die Finanzwissenschaftler der Purdue Universität, Indiana, stellten - und eine für Unternehmen hoch bedeutsame: Wie reagiert der Börsenkurs eines Unternehmens auf die Ankündigung einer Namensänderung? - Nicht irgendein Name wohlgemerkt, sondern einer, der auf Internetaktivitäten schließen läßt, beispielsweise ein .com- oder .net-Zusatz oder das Anhängsel Internet.


Die US-Wissenschaftler Michael Cooper, Orlin Dimitrov und Raghavendra Rau dokumentieren in ihrer Studie "A Rose.com by Any Other Name" die Kurs- und Handelsvolumenentwicklung von 51, zumeist kleineren US-Unternehmen, die zwischen Januar 1998 und März 1999 eine Namensänderung in Richtung Internet angekündigten.

Mit erstaunlichen Ergebnissen:

Der von den Wissenschaftlern genannte "dotcom"-Effekt ließ den Börsenkurs zwischen den fünf Tagen vor und fünf Tagen nach der Ankündigung im Schnitt auf 125 % ansteigen. Noch stärker fiel der Effekt im erweiterten Zeitraum von 30 Tagen vor und nach der Ankündigung aus. Die Kurse verzeichneten ein Plus zwischen stolzen 184 % (im Vergleich zum Russell 2000-Technologieindex) und 144 % (zum Amex Inter@ktive Internet Index).

Dieser Zuwachs erwies sich entgegen aller bisherigen Untersuchungen zu Namensänderungseffekten als relativ dauerhaft: Auch in 60- und 90-Tage-Szenarien fanden die Wissenschaftler noch bemerkenswerte Kurssteigerungen von insgesamt 201 bzw. 214 %. Analog zu den Börsenkursen stieg das Handelsvolumen der Aktien. Wechselten 15 Tage vor der Ankündigung im Schnitt nur 14124 Aktien der relativ kleinen US-Unternehmen den Besitzer, waren es 2 Tage nach dem großen Ereignis satte 94000 Titel. Ebenfalls mit stabiler Tendenz: Am Tag 15 wurden im Schnitt immer noch 66500 Stück gehandelt.

Bauch- oder Kopfentscheidung?

War dieser Run auf die "neuen" Internetaktien nun eine kalkulierte Entscheidung der Anleger, in der Hoffnung, genau diese Unternehmen würden in der Zukunft hohe Renditen abwerfen, oder war die starke Nachfrage einzig und allein eine, wie die Wissenschaftler es nennen, "Irrational Bubble", eine Internet-Hysterie, bei der Anleger einfach nur "mit dabei sein" wollen?

Vieles, so die Verfasser der Studie, spreche für die Bubble-Theorie. So stellten sie fest, daß die Kurszuwächse unabhängig davon ausfielen, wie stark das Unternehmen wirklich im Internet aktiv ist. Auch Firmen, die nur peripher im Web tätig sind, erhielten den .com-Bonus. Fundamentaldaten schienen bei der Anlageentscheidung kaum eine Rolle zu spielen.

Ein weiteres Indiz sei, so die Wissenschaftler, die Feststellung, dass Unternehmen mit weniger großen Namens- oder Börsenkürzel-Änderungen geringere Kurszuwächse verzeichneten als solche, die drastischer an ihrem Namen oder ihrem Börsenkürzel arbeiteten. Wiederum egal, wie stark die tatsächliche Verflechtung mit dem Internet ist. Deutliche Turnarounds beim Namen, so vermuten die Autoren der Studie, signalisieren Tradern entweder eine stärkere Ausrichtung des Geschäftes in Richtung Internet, was Anleger entsprechend zu honorieren bereit sind, oder aber Firmen werden mit neuen Namen auch als neue, vielversprechende Unternehmen identifiziert.

All dies, so die drei Wissenschaftler der Purdue-Universität, stütze ihre Daytrader-Hypothese – nämlich dass allein durch die Präsenz neuer, internettig angehauchter Namen in den Finanznachrichten und den Chatboards der Trader die "Investor mania" ins Rollen kommt. Unabhängig von Fundamentaldaten reicht allein die vermutete Verbindung zum Internet, um Unternehmen interessant zu machen.

Deutschland tickt anders

Christian Lambrecht, Analyst bei der Hypovereinsbank, glaubt dagegen nicht, dass sich bei deutschen Aktien der Internet-Bonus langfristig halten würde, ohne dass Substanz dahinter ist. "Nur dann, wenn der .com-Anteil auch das hält, was er verspricht, wird die Aktie ihren Wert halten", so der Finanzexperte und verweist auf die aktuellen Entwicklungen in den USA.
Dort haben in den letzten Wochen zahlreiche Internet-IPOs empfindliche Bauchlandungen hingelegt. Der Internetblumenhändler 1-800-Flowers.com beispielsweise, ebenso wie der Versicherungsvermittler Quotesmith.com und der Videoanbieter Bigstar Entertainment beendeten ihren "großen Tag" weit unter Ausgabepreis. Zahlreiche andere Neuemissionskandidaten verschoben ihre Notierungspläne fürs erste. Lambrecht schätzt, dass die aktuelle Flaute bei Internet-Aktien für schwache Unternehmen sehr dauerhaft ausfallen wird. Firmen mit Substanz, die Big Player der Branche, werden sich aber behaupten können, so der Analyst.

Sein Kollege Marco Pabst, Analyst bei Warburg Dillon Read, ist nicht weiter überrascht von den Ergebnissen der Studie und erinnert sich an einen US-Textileinzelhändler, der nach Ausweitung seines Vertriebs aufs Internet inklusive .com-Anhängsel enorme Kurszuwächse verbuchen konnte. In diesem Fall eine gerechtfertigte Neubewertung, so Pabst, wegen der geänderten Fundamentaldaten.

So sieht Pabst zwar auch in Deutschland Wirkungen einer Daytrader-Szene, "die zum Beispiel bei Neue Markt-Werten schon mal einige Kurssprünge verursachen", doch glaubt auch er nicht an eine Dauerhaftigkeit dieser Effekte.

Die aktuelle Flaute bei Internet-Aktien kommentiert Pabst mit einem "zum Glück". "Werte wie Cybernet und Fortunecity", so der Analyst weiter, "sind jetzt endlich nicht mehr so astronomisch hoch bewertet, sondern langsam auf einem Niveau, mit dem sich realistisch rechnen läßt." "ricardo zum Beispiel wäre vor einem Jahr noch ein Riesenerfolg gewesen. Heute gibt's nur noch einen kleinen Emissionsbonus und das war's." Grund für die nachlassende Hysterie sei zum einen die Sättigung mit Aktien aus dem Internetbereich und zum anderen der Umstand, dass sich Unternehmen jetzt mit der Konkurrenz messen lassen müssten. Habe es im vergangenen Jahr nur sehr wenige Entertainmentwerte gegeben, wären es heute schon fast 20.

Und was kommt nach dem Hype?

Ein Ende der Internet-Hysterie dürfte sich trotzdem wohl noch ein wenig hinziehen. Angesichts der aktuellen Kursflaute titelt die "Wirtschaftswoche" in ihrer jüngsten Ausgabe schon wieder in großen Lettern "Internetaktien - Jetzt zugreifen!". Und auch com!online stellt in ihrer September-Ausgabe eine Internet-Schnäppchenliste vor. Spannend dürfte es für die in der Studie untersuchten Unternehmen werden, wenn sich der Rummel um Internetwerte legt. Werden sie dann irgendwann für das .com die Quittung bekommen? Heißt es für sie dann zurück in die zweite Reihe? Oder sollten sie weiter auf die Irrationalität beim Aktienkauf bauen und den Unternehmensnamen erneut nachfragegerecht ändern?


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